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war das beste Schießergebnis

  • desjahres 1941, an der Memel, geschah es, daß drei Soldaten, der Obergefreite Karl W. und die Oberschützen Josef L. und Thomas P., gemeinsam ihren großen Tag hatten. Es war ihnen gelungen, bei einem Übungsschießen mit je drei Schuß fünfunddreißig Ringe zu treffen. Das war das beste Schießergebnis seit Jahren im Bataillon, ja in der gesamten Division. Die drei waren sofort, noch auf dem Schießstand, vom Bataillonskommandeur, einem Major von der Saale, belobigt worden. Es war üblich, den glücklichen Schützen nach solchen Leistungen Heimaturlaub zu gewähren; doch schon seit Wochen war Urlaubssperre. So wurden die drei für drei Tage von jeglichem Dienst befreit. Sie durften wegtreten, ohne das Ende der Übung abwarten zu müssen.
    Karl, Josef und Thomas einigten sich schnell, wie die freien Stunden zu verbringen wären. Sie wollten nach Libiaken gehen, nach dem nächsten Dorf; es waren zwar zwei Stunden Wegs dahin, aber dort konnte man, hatte man Glück, Mädchen finden, und hatte man kein Glück, so konnte man sich in einer Kneipe darüber trösten. In Libiaken gab es eine Kneipe, das allein lohnte die zwei Stunden Weg. In ihrem Standort war keine Kneipe. Dort waren nur Wiesen, wasserdurchschnittene, die langsam Sumpf wurden; und hie und da aus der Ebene erhoben sich kleine Hügelzüge, dünenähnlich, ganz flach ansteigend und dann steil, senkrecht, ja nach innen gehöhlt, abfallend. Diese Hügel waren mit lichten Wäldern bewachsen, mit unserer Website
    Birken, Erlen und Kiefern, und unter den schütteren Kronen drängten sich die Regimenter zusammen, Mann an Mann, Zelt an Zelt,
    Geschütz an Geschütz. Es war, als gehörten sie zur Landschaft. »Das ist Baltikum«, sagte Karl. »So war das schon immer!«
    Sie machten sich also auf den Weg nach Libiaken. Sie gingen barhaupt, den Blusenkragen geöffnet, die Ärmel aufgekrempelt, gelöst und frei, das Gewehr über die Brust gehängt. Sie sangen laut. Das Land dehnte sich vor ihnen, offen, strotzend in einem Grün wie von der Unterseite fleischiger Blätter genommen; hineingemischt war das heftige Maigelb der Sumpfblumen, und grell aus dem Grün und Gelb blitzte das Silber rinnenden und ruhenden Wassers. Ungeheuer wölbte sich der glasblaue Himmel, und dort, wo er die Erde berührte, flössen die Elemente ineinander zu einem weichen, weißen, die Konturen aller Dinge auflösenden Dunst.
    Da plötzlich schwang sich, wohl von den Schritten der Wandernden aufgeschreckt, ein wunderbarer Vogel in den Himmel auf. Der Vogel ähnelte einem Reiher, aber sein Gefieder war von einem stechenden harten Schwarz, und die Brust war mit roten Rauten gezeichnet. Der Vogel schwamm schnell durch die Luft, schraubte sich hoch und stand dann, flügelschlagend, ein unheimliches schwarzes Zeichen, im kristallenen Himmel.
    Die Soldaten hatten sofort den Wunsch, den Vogel zu schießen. Scharfe Munition besaßen sie; sie hatten in der Eile ihres Aufbruchs die noch nicht verschossenen Patronen, das waren je drei, nicht, wie es Befehl war, auf dem Schießplatz dem Waffenmeister zurückgegeben. Aber es war ihnen streng verboten, hier, an der Grenze, ohne Befehl zu schießen; sie hätten dafür vor ein Kriegsgericht kommen können. Sie schwankten zwischen der Furcht vor der Strafe und der Freude, den Vogel zu schießen. Karl warnte; Josef hingegen wandte ein, daß der Major von der Saale ein leidenschaftlicher Sammler seltenen Getiers sei; er
    würde ihnen nicht nur den unerlaubten Schuß nachsehen, sondern sie noch belobigen, wenn sie ihm diesen schwarzroten Reiher brächten. Doch über Rede und Gegenrede war es schon zu spät geworden. Der Vogel schoß davon, als wittere er sein Verderben, den Hals weit vorgestreckt, ein Pfeil, bewegt von zwei riesigen Rudern. Er entschwand. Enttäuscht ließen die Soldaten die Gewehre sinken. Aber sie hatten Glück, das zweite Mal an diesem Tage. Der Reiher schwamm wieder heran, und nun belauerten sie ihn, fiebernd vor Jagdlust. Der Vogel stand noch sehr hoch. Langsam kam er herunter. Er stieß einen krächzenden Schrei aus, dann schoß er, flügelklatschend, einem Weidengebüsch am Wasser zu und ließ sich dort nieder. Sein Schwarz leuchtete, sonnenbeglänzt, aus dem ruhigen Grün. Er äugte zu den Soldaten hinüber, dann wandte er sich dem Wasser zu, um zu trinken. Da drückten Josef und Karl gleichzeitig ab, und Thomas wollte gerade den Finger am Abzug krümmen, doch ein schrecklicher Schrei, der den Donner des Schusses überschrie, lähmte ihn. Sie standen wie versteinert, und ihre Gesichter waren grau geworden. Atemlos warteten sie, aber es kam nichts mehr; nur Stille war, die man spürte so wie Wind, der vom Wasser her weht. Das Gewehr entglitt Josefs Hand, es fiel ins Gras, leise klirrend. Da kam wieder Leben in sie. Sie wußten, daß das, was sie getroffen hatten, ein Mensch gewesen war, und nun rannten sie, den Menschen zu retten. Aber als sie zur Weide gekommen waren, da war keine Rettung mehr.
    Da lag, zerfetzt, der Reiher, und neben ihm sahen sie ein Mädchen liegen, tot. Sie lag im harten Riedgras, hinter dem Busch, am Bachufer, voll auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, und aus ihrer Brust quoll Blut, ein Rinnsal, schon stockend. Josef, Thomas, sie sahen’s und stöhnten auf, leise, ohne Schrei, in äußerstem Entsetzen. Es war das erste Mal, daß sie Blut aus einem Menschen rinnen sahen.
    Sie ertrugen es nicht. Sie schauten weg; da sahen sie den Reiher. Sie sahen das Gras an, auch das war rot.
    »Um Gottes willen«, sagte Karl entsetzt, »um Gottes willen, das ist ja die Tochter des Majors!«
    Er beugte sich über das Mädchen, aber er rührte sie nicht an. Er lauschte, ob ihr Atem ging, und sah ihr ins Auge. »Aus«, sagte er.
    »Ich habe nicht geschossen, ich nicht...«, stammelte Thomas. Ein furchtbares Grauen kam ihn an. Er wollte fortlaufen, aber er konnte es nicht. Er stand wie eine Pflanze, festgebannt, wahllos und wehrlos in diesem Mord verwurzelt, und so, wie es eine Blüte zwingt oder ein Blatt, sich in eine bestimmte Richtung zu kehren, zum Licht zu, so zwang es ihn, den Kopf zu wenden und die Tote anzusehen. Er sah hin. Es war ihm, als wäre er gar nicht auf dieser Welt; er wußte für einen Augenblick nicht, wo er war und wann.
    Das Gesicht der Toten verschwamm, das weiße Gesicht, die weiße Brust, die weißen Arme, es war nur ein heller Fleck, so wie ein Mond auf dunklem Grund, sehr dunkel, tiefgrünes sattes Gras, darüber wogte das Grauen des Todes. Es wurde Schrift: Wir sind geboren, um für Deutschland zu sterbenh Diese Worte standen - Thomas war weit weg in der Zeit — in harten, schwarzen Lettern im Torgestänge eines Lagers der HJ, in dem Thomas den Sommer verbracht hatte, den letzten, ehe er eingezogen worden war. Diese Worte hatten sich schwarz abgehoben von dem weißen Sand, der dahinter war, unermeßlich, zum Meer hin, das man rauschen hören konnte. Diese Worte hatte er gelesen, und er hatte sich nicht viel dabei gedacht wie die ändern Kameraden auch; das stand so da, und es waren eben Worte, rauschhafte, große. Sterben, wer kannte das schon, wer wußte das, wer? Doch eines Tages mußten die Jungen ihren Mut beweisen; sie wurden, mit
    verbundenen Augen, auf einen Hügel geführt, dessen Höhe sie nicht kannten. Dort stellte sie ihr Führer an den Abgrund und sagte: »Springt hinunter!« Er sagte auch: »Es ist gefährlich. Es ist hoch, und unten ist es steinig. Es kann die Knochen kosten, gar das Genick!« Einige hatten sich geweigert zu springen, die hatte man höhnend wieder heimgeschickt. Aber von denen, die geblieben waren, hatte keiner gefragt, warum er diesen wahnsinnigen Sprung tun sollte und warum das Ehre war. Da hatte Thomas an die Worte im Lagertor denken müssen, und er hatte sich gesagt: Nun wird es Ernst. Er hatte ein Rauschen gehört und war gesprungen. Offenbar mußte er - und wie er ein jeder, im Augenblick, da er absprang — sehr komisch ausgesehen haben, denn jedesmal hatten die Führer schallend aufgelacht. Das alles war jetzt wieder da in Thomas: die namenlose Furcht vor dem, was kommen würde, der Anhauch des Todes, der plötzlich